«Lieber drei Wochen Zeit gehabt»: Lichtsteiner braucht im ersten FCB-Spiel ein Wunder
Im Oktober 2002 begann in St. Petersburg die internationale Fussballkarriere von Stephan Lichtsteiner. Der damals 18-Jährige wurde beim Stand von 2:0 für die Russen 13 Minuten vor Schluss von Trainer Marcel Koller bei GC eingewechselt. Am Ende stand es 1:2 und die Grasshoppers schafften dank des Treffers von Mate Baturina noch den Sprung in die zweite Runde des Uefa Cups.
23,5 Jahre später beginnt am Donnerstag die internationale Trainerkarriere des 108-fachen ehemaligen Schweizer Nationalspielers, der nach seinem Debüt in Russland auch noch 64 weitere Europacupspiele mit GC, Lille, Lazio, Juventus und Arsenal bestritt.
Viktoria Pilsen ist in der achten und letzten Runde der Ligaphase der Europa League zu Gast in Basel. Der Schweizer Meister benötigt einen Sieg und Schützenhilfe auf mindestens vier anderen Plätzen, um doch noch weiterzukommen. Lichtsteiner sagt: «Ich kenne die möglichen Szenarien. Doch wir schauen auf uns und versuchen, zu gewinnen. Erst dann lohnt sich der Blick auf die anderen Ergebnisse.»
Neben dem neuen FCB-Trainer sitzt am Mittwoch Captain Xherdan Shaqiri auf dem Podium im Pressekonferenzraum des St. Jakob-Parks. 67 Spiele haben beide zusammen für die Nati absolviert, einen Grossteil davon beackerten sie zusammen das rechte Couloir. «Ich weiss, wie Steph auf dem Platz ist. Wie er als Trainer ist, muss ich noch herausfinden», sagt Shaqiri. Nach dem 4:3-Sieg im Klassiker war der Basler Captain zunächst davon ausgegangen, dass Ludovic Magnin seinen Job behalten darf und «wieder etwas Ruhe» einkehrt. «Doch dann kam am Montagmittag die überraschende Nachricht», wie Shaqiri sagt: «So ist der Fussball. Jetzt ist Steph da und ich freue mich für ihn, dass er die Chance bekommt.»
Nur zwei Trainings für neue Ideen
Zwei Trainings hatte der Neue Zeit, um seine Ideen einzubringen. «Wir haben viel gearbeitet, es gab viele Inputs und viele Informationen», sagt Lichtsteiner. Doch der neue Chef weist auch darauf hin: «Zwei Trainings reichen nicht, um zu viele Inputs zu geben. Dennoch habe ich gewisse Dinge eingebracht. Wir haben mental und taktisch gearbeitet.» Weiter ins Detail, wo konkret der Hebel angesetzt wurde, wollen weder Lichtsteiner noch Shaqiri gehen. «Ihr müsst euch gedulden, aber es hören auch Tschechen mit», sagt der Captain. «Mir ist vor allem wichtig, dass jeder weiss, welche Aufgabe er hat», sagt Lichtsteiner.
Der 42-Jährige, der als Trainer direkt aus der viertklassigen 1. Liga in die Europa League aufsteigt und der beim FCB für ein langfristiges Projekt bis 2029 unterschrieben hat, will von einem Sprung ins kalte Wasser nichts wissen: «Das Wasser ist nicht so kalt. Ich habe 20 Jahre Erfahrung auf diesem Level und konnte vielen Trainern über die Schulter schauen». Doch Lichtsteiner gibt auch zu: «Natürlich hätte ich lieber drei Wochen Vorbereitungszeit gehabt und nicht sofort drei richtungsweisende Spiele vor der Brust und zehn Punkte Rückstand in der Liga.» Aber so sei die Ausgangslage und man mache das Beste daraus.
Shaqiri spricht von «Kraft», welche der Last-Second-Sieg im Klassiker gegen den FC Zürich freigesetzt habe, und von «einer Serie», die der FCB jetzt starten wolle. Denn: «Wir haben grosse Ziele. Die haben sich durch den Trainerwechsel nicht verändert.» Eines davon lautet, sich für die Zwischenrunde der Europa League zu qualifizieren. Dafür ist ein Sieg gegen Pilsen Pflicht.
Pilsen, die Könige des 0:0
Der aktuelle Vierte der tschechischen Liga hat die Top acht vor einer Woche durch den Last-Minute-Ausgleich von Porto verspielt. Dennoch hat Pilsen mit nur drei Gegentoren die beste Verteidigung der Europa League, spielte bereits dreimal 0:0 und ist eines von nur drei ungeschlagenen Teams (2 Siege, 5 Unentschieden). In Basel muss Trainer Martin Hysky auf den rotgesperrten Captain Matej Vydra verzichten. Ende Juli war der tschechische Vizemeister in der Qualifikation für die Champions League bereits in der Schweiz zu Gast und konnte in Genf die 0:1-Niederlage aus dem Hinspiel durch einen 3:1-Sieg noch drehen. In der nächsten Runde schied Pilsen dann gegen die Glasgow Rangers aus und in die Europa League ab. Dort wollen sich die Tschechen in Basel mit einem Sieg eine gute Ausgangsposition und das Heimrecht für die Zwischenrunde sichern.
Lichtsteiner sagt: «Pilsen hat noch nie verloren, ist defensiv stark und hat Schweizer Teams zuletzt vor Probleme gestellt. Das Team ist allerdings schon qualifiziert und hat noch kein Ligaspiel in diesem Jahr gemacht, was für uns sprechen könnte.» Dass dem FCB nach wie vor die verletzten Metinho, Keigo Tsunemoto, Moritz Broschinski und Finn van Breemen fehlen und das Stadion nur zu zwei Dritteln gefüllt sein wird (Vorverkauf 20'000) macht das Trainerdebüt von Lichtsteiner auch nicht einfacher. (riz/aargauerzeitung.ch)
